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Yogis als Punks


Ein tiefer Einblick in die Wurzeln des Yoga und warum Asana eine Haltung im Leben ist. Ein Artikel für das deutsche Yoga Journal.



Neulich hatte ich eine besonders fiese Erkenntnis: Der durchschnittliche Mensch lebt 5200 Wochen, vorausgesetzt er wird 100 Jahre alt. Die noch gemeinere Frage, gleich im Anschluss: Wieviele Wochen sind bereits vergangen, wieviele habe ich noch?

Die Antwort des Yoga wäre wahrscheinlich, die Frage anders zu stellen: Wieviel hat man von der Zeit, die gerade ist? Wie sehr lebt man, jetzt, in diesem Augenblick?

Tatsache ist: Dieses Leben ist begrenzt, unsere Zeit kostbar. Auf die Dauer haben wir wenig Einfluss - jedoch durchaus auf die Art und Weise, wie wir unsere Zeit erleben. Ls geht's! Denn, logischerweise: Je mehr wir aus diesem Augenblick schöpfen, ihn voll und ganz erleben, umso mehr Leben haben wir.

So unterschiedlich Yogastile auch sein mögen - Yoga, als Praxis, ist genau das: Der Weg mitten hinein in diesen, gegenwärtigen Moment. Jede Bewegung, jede Rotation, jeder Atemzug - eine Einladung, einzutauchen und ganz darin aufzugehen. Wild, intensiv, frei. Oh ja, Yogis sind Punks. Seit Jahrtausenden.


Yogis als Punks

Eine Reise, circa 3000 Jahre zurück. Wir sind in der Zeit der Veden, an den Wurzeln des Yoga. In unserem Tempel ist es dunkel, bis auf das heilige Feuer. Aus allen Ecken erklingen gemurmelte Rezitationen, Ghee und Reis werden dem Feuer geopfert - Yajna, das Feuerritual. Wir sitzen am Boden, die Beine überkreuzt (Padmasana, der Lotussitz hat hier seinen Ursprung: Es galt als unhöflich, seine Füße jemandem entgegen zu strecken). Es sind lange Stunden Gebete, Hymnen, Opfer… alles, um dem näher zu kommen, was größer ist, als man selbst.

Um uns sind Männer - nur Männer und auch nur Männer bestimmter Kasten. Die vedische Kultur war elitär, strikt, durchzogen von Regeln und Konventionen. So eng, dass manche daraus ausbrachen: Die ersten Yogis, die ‚Godfathers of Adho Mukha’ waren Mystiker, Rebellen, Suchende, die dem vedischen Establishment den Rücken kehrten, um in die Erfahrung zu gehen.

Ihr Weg war klar: Sie wollten dieses ‚Größere‘ erleben. Direkt und unmittelbar, mit jeder Faser des eigenen Seins. Sie zogen in die Wälder, an abgelegene Orte, und: in die Praxis. Ihre Erfahrungen und Techniken gaben sie weiter - von Lehrer zu Schüler, von Mensch zu Mensch. Eine direkte Linie tiefen Wissens, die auch heute hinter jedem Einzelnen steht, der den Weg des Yoga geht.


Die Wurzeln: Patanjali Yoga Sutra

Das erste Mal, dass etwas von diesem Wissen zusammengetragen und schriftlich festgehalten wurde, war das Patanjali Yoga Sutra, heute eines ‚der‘ Grundlagenwerke des Yoga.

Entstanden ist das Yoga Sutra im Zeitraum 200 oder 400 n. Chr. Der exakte Zeitpunkt ist nicht klar, genauso wenig weiß man sicher, wer oder was Patanjali war. Ein Gelehrter? Grammatiker? Eine Schlange, die vom Himmel fiel? Denn, so sagt die Legende: Patanjali fiel als Schlange in den Schoß einer Yogini, die betrübt war, dass sie als Frau keine Schüler hatte. Die Schlange wurde Schüler und empfing das Wissen der Yogini.

In jedem Fall passt es zur universellen Weisheit des Yoga Sutra, dass es keinen wirklichen Urheber gibt.


Zeitlose Wahrheiten von Menschen wie du & ich

Die Erkenntnisse der ersten ‚Yoga-Punks’ sind Wahrheiten über das Mensch-Sein und die Welt, die weit über Zeit und Ort hinaus wirken. Viele der Inspirationen, die Yogastunden heute ihre Tiefe und Besonderheit geben, haben hier ihren Ursprung.

Was man dabei nie vergessen darf: Diese ersten Yogis waren nicht nur Yogis, sondern auch Menschen. Menschen, wie du und ich. Baugleich, mit denselben Möglichkeiten von Körper, Atem, Geist und wohl auch ähnlichen Gedankenwellen, Schwierigkeiten, Sehnsüchten. Und auch wenn sich die Spielfelder im Laufe der Zeit ändern - die Themen bleiben gleich.

Und: Die ersten Yogis waren Menschen, die Fragen hatten und den Mut, Antworten zu suchen. Auch das scheint zur potentiellen Grundausstattung des Menschen zu gehören. Punk’s not dead.

Auf den Spuren der ‚Godfathers of Adho Mukha’ können wir ihn finden, den Weg mitten hinein in das entscheidende bisschen mehr Leben, in diesem Augenblick. Dazu gibt es drei Schlüssel, die weit über die Matte hinaus wirken können:


Asana als Haltung im Leben

Der erste Schlüssel ist: Dein Körper, deine Haltung, deine Yoga Asana.

Unter Asana (Sanskrit: Sitz) verstehen wir heute vor allem Yogahaltungen, wie der Krieger 1, der Hund… Im übertragenen Sinne kann Asana jedoch wesentlich mehr sein: Asana ist die Art und Weise, wie man sich selbst in die Welt, ins Leben, stellt.


Schließlich haben wir nur einen Körper und der ist immer dabei. Unser Körper unterscheidet nicht zwischen Situationen, sondern nur zwischen Zuständen. Alles, was wir in der Asana-Praxis erleben, macht etwas mit dem, wie wir uns ins Leben begeben und umgekehrt.

Der Körper hat ein ganz eigenes Gedächtnis. Je mehr du übst, bewusst zu atmen, zu spüren, zu sein - umso mehr wirst du es auch in den Situationen des Lebens tun. Asana findet nicht nur statt, wenn du die Matte unter dir hast, sondern immer dann, wenn du wirklich, ganz präsent bist.


Asana ist eine Haltung im Leben. Denn hier kommt der Trick: Körper und Atem sind immer jetzt. Je mehr wir im Körper sind, umso voller erleben wir den Moment.


Die Superpower des Yoga: Die Wahrnehmung

Der zweite Schlüssel ist: Deine Wahrnehmung.

Wir sind nicht nur Körper und Atem, sondern auch Wahrnehmung - die Ausrichtung, mit der wir Dinge wichtig oder unwichtig machen, präsent oder verschwindend, groß oder klein. Deine Wahrnehmung ist die Kraft in dir, mit der alles andere eigentlich erst beginnt.


Eine so reale Kraft, wie der Oberarm-Muskel, wenn auch nicht ganz so leicht zu greifen. Ein wildes Ding, mit der Fähigkeit überall gleichzeitig zu sein, immer da und doch nicht zu sehen. Je zerstreuter unsere Aufmerksamkeit ist, umso mehr rennen wir dem Leben hinterher, je gebündelter, umso mehr sind wir da. Jetzt und hier.

Und, Vorsicht: Unsere Aufmerksamkeit ist schnell. Eine fantastische Fähigkeit, so lange sie nicht ins Gegenteil umschlägt und uns selbst wie gejagt im eigenen Leben werden lässt. Eine klare Wahrnehmung ist kein Zufallsprodukt: Es ist eine Fähigkeit, die man trainiert. Ganz wie der Oberarm-Muskel.


Genau hier setzt schließlich die Yogapraxis an. Um die Wahrnehmung greifen zu können, sie mehr und mehr zu bündeln und auszurichten, braucht es ein würdiges Gegenstück. Es braucht dich und es braucht: Details.


Die Magie des Yoga liegt im Detail

Der dritte Schlüssel ist der, der alles zusammenbringt. Gäbe es von allen Erkenntnissen unserer ‚Godfathers‘ nur einen einzigen Satz, so könnte es dieser sein:

PYS 1.1 Atha Yoga Anushasanam

Diese Sutra ist die allererste das ganze Patanjali Yoga Sutra - der ‚Kick Off’ für alles, was dann kommt - und wird gerne übersetzt mit ‚Jetzt, die Lehre des Yoga‘. Sanskrit Worte haben jedoch oftmals sehr viele Bedeutungen gleichzeitig und so steht ‚Anu‘ auch für ‚den kleinstmöglichen Teil‘ von etwas, ein Atom.

Je genauer wir also hinschauen, umso mehr sind wir da. Eine mächtige Abkürzung - mitten hinein, in diesen Augenblick! Das ‚Stage Diven in den Moment‘ wird möglich, wenn wir auch die kleinsten aller Teile beachten. Echt jetzt? Denken wir doch oft eher daran, dass es möglichst viel braucht für den großen Effekt. Die Empfehlung der Ur-Yogis lautet: Nicht das ‚was’ sondern das ‚wie’ gibt die Intensität.

Nehmen wir den Atem: Wie atmest du gerade? Ja, genau jetzt, während du diese Zeilen liest?

Da ist die Einatmung und die Ausatmung, ok. Aber was ist mit den Momenten dazwischen, die Übergänge? Wie ist das Tempo, hat Dein Atem einen Geschmack, einen Klang, welche Räume im Körper werden dabei spürbar?


Die Magie des Yoga erschließt sich - mit jeder Facette, immer weiter. Je genauer wir den Augenblick wahrnehmen, umso reicher ist er.

Und hier liegt eine wundervolle Erkenntnis: Anstatt den Wochen hinterher zu laufen, könnten wir unser Leben ja auch einfach leben. Wie wäre es mit:


„Gerade war ein wundervoller Augenblick. Es ist nichts passiert - und dennoch alles.“

Zurück zum Atem: Vielleicht kannst du sogar fühlen, wie dein Atem nicht nur innerlich, sondern auch um dich geschieht? Wie dieser ganze Ozean aus Luft zum Atem in Dir wird. Wie dein Atem der Gleiche ist, der alles Lebendige durchströmt. Und wie Yoga - genau jetzt, in diesem Augenblick - geschieht.

Yoga, im klassischen Sinne, ist genau das: Die prall gefüllte Erfahrung des Moments. Jeder Zoom ein Eintauchen in den den Körper, den Atem, den Moment und damit an den Ort, an dem alles ist. Und an dem selbst Zeit mit ihren schwindenden Wochen ihre Bedeutung verliert. Denn:


Wann beginnt ein Moment, wann hört er auf?


 

Diesen Artikel hat Judith geschrieben. Sie ist Gründerin von Studio Atha, seit Anfang 2000 Yogalehrerin, Körpertherapeutin, Drehbuchautorin. Ihr Weg hat sie auch in verschiedene Kapitel in der Fashion- und Filmindustrie und quer durch die Welt geführt. Vielfältige Stationen, in denen sie sowohl die Anforderungen eines knallvollen Alltags, wie auch die immense Kraft von Yoga, Meditation und Ernährung kennengelernt hat. Judith lebt, was sie teilt und möchte dieses wichtige Wissen für möglichst viele Menschen anwendbar machen. Damit es dort ankommt, wo es hingehört: Mitten im Trubel des Lebens. Außerdem liebt sie ihr Rennrad, schöne Dinge, fremde Welten, laute Musik und Tage, die anders laufen, als geplant.

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